- Sonja Speck
- 28. Juni
- 6 Min. Lesezeit

Gesundes Altern rückt immer mehr in den Fokus — und damit auch die Frage, welche Rolle unsere Muskulatur dabei spielt. Lange wurde Muskulatur fast ausschließlich mit Bewegung, Kraft und Ausdauer in Verbindung gebracht. Wer Muskeln hat, kann heben, laufen, Sport treiben. Wer keine hat, ist eben unsportlich.
Doch neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen ein deutlich komplexeres Bild. Die Muskulatur wird heute klar als Stoffwechselorgan identifiziert — als aktives, hormonell wirksames Gewebe, das weit über Bewegung hinaus in nahezu alle Regulationsprozesse des Körpers eingreift. Und das Faszinierende daran: Wir wissen noch längst nicht alles darüber, welche Substanzen der Muskel bildet und welche Signale er in den Körper sendet. Die Forschung zu den sogenannten Myokinen — den Botenstoffen des Muskels — steckt in vielen Bereichen noch in den Anfängen.
Was wir aber bereits wissen, reicht aus, um unser Bild von Muskulatur grundlegend zu überdenken. Und damit auch unser Bild davon, wie viel Protein wir wirklich brauchen — und warum.
Der Muskel — das größte Stoffwechselorgan, das kaum jemand kennt
"Muskeln sind das größte Stoffwechselorgan des menschlichen Körpers." Das schrieb Bente K. Pedersen von der Universität Kopenhagen 2013 im Fachjournal Comprehensive Physiology. Kein Fitness-Blog. Kein Influencer. Eine der renommiertesten Muskelforscherinnen der Welt, in einer der angesehensten physiologischen Fachzeitschriften.
Muskeln machen beim Erwachsenen rund 30 bis 40 Prozent der Körpermasse aus. Sie sind damit nicht irgendein Organ — sie sind das volumenmäßig größte aktive Gewebe, das wir haben. Und sie leisten weit mehr, als Knochen zu bewegen.
Muskeln regulieren aktiv den Blutzuckerspiegel, indem sie Glukose direkt aufnehmen — teilweise unabhängig von Insulin. Menschen mit guter Muskelmasse haben einen stabileren Blutzucker, eine bessere Insulinsensitivität und ein nachweislich geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes. Das ist keine These. Das ist Physiologie.
Die Muskel-Apotheke: Was Myokine wirklich tun
Wenn Muskeln sich bewegen — und auch wenn sie schlicht gut ernährt und erhalten werden — produzieren sie Botenstoffe, sogenannte Myokine. Diese Zytokine wirken nicht nur lokal, sondern systemisch im ganzen Körper. Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln beschreibt es so: Die Signalstoffe des Muskels beeinflussen andere Organe, indem sie Fett verbrennen, die Durchblutung verbessern, die Leber entlasten und das Gehirn vor Demenz schützen.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei Interleukin-6 (IL-6). Es beeinflusst die Fettoxidation in der Muskulatur, steigert die Glukosefreisetzung in der Leber und hemmt gleichzeitig TNF-α — einen der wichtigsten Entzündungsfaktoren. Was passiert, wenn Muskeln über Jahre inaktiv sind und gleichzeitig schrumpfen? IL-6 und TNF-α häufen sich an, unkontrollierte Entzündungsmediatoren werden freigesetzt. Das erhöht das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs — alles Erkrankungen, die mit chronischer Entzündung einhergehen. Das berichtete dieselbe dänische Forschergruppe bereits 2008 und 2010 in Physiological Reviews und im American Journal of Physiology.
Und dann ist da noch etwas, das mich besonders fasziniert: Krafttraining erneuert die Telomere. Diese Schutzkappen der Chromosomen verkürzen sich bei jeder Zellteilung — bis sie aufgebraucht sind und der programmierte Zelltod einsetzt. Forscher um Dr. Christian Werner vom Universitätsklinikum des Saarlandes konnten 2008 und 2009 im Journal of the American College of Cardiology und in Circulation nachweisen, dass regelmäßiges Training Telomer-stabilisierende Proteine wie die Telomerase aktiv stärkt. Der Muskel hält uns also auch auf zellulärer Ebene jung.
Was eine schwache Muskulatur wirklich bedeutet
2008 erschien im British Medical Journal eine prospektive Kohortenstudie von Forschern um Jonatan Ruiz vom Karolinska Institutet in Stockholm — eine der bekanntesten medizinischen Universitäten der Welt. Fast 8.800 Männer wurden knapp 20 Jahre lang beobachtet. Das Ergebnis war eindeutig: Eine schwache Muskulatur war mit deutlich erhöhter Sterblichkeit assoziiert. Höhere Muskelkraft schützte selbst übergewichtige Menschen aller Altersklassen vor tödlichen Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen.
Und Dr. Preethi Srikanthan von der University of California in Los Angeles stellte im American Journal of Medicine fest, dass im höheren Alter nicht der Body Mass Index die Lebenserwartung bestimmt — sondern die Körperkomposition. Also das Verhältnis von Muskelmasse zu Fettmasse.
Das war 2008 und 2014. Publiziert in den renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt.
Ich sage das, weil ich immer wieder gefragt werde, woher ich das habe. Ich hole in der Praxis meinen Taschenrechner raus, errechne einen Mindesteiweißbedarf von 1,3 Gramm pro Kilogramm — und werde manchmal angeschaut, als hätte ich etwas Exotisches gesagt. Dabei ist das keine Erfindung. Das ist Wissenschaft. Aus dem BMJ. Vom Karolinska Institut. Aus dem Jahr 2008.
Die 0,8-Gramm-Empfehlung: Woher sie kommt und warum sie nicht reicht
Der aktuelle Referenzwert der DGE liegt für Erwachsene zwischen 19 und 65 Jahren bei 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Diese Zahl basiert auf sogenannten Stickstoffbilanzstudien: Man misst, wie viel Stickstoff — der in Aminosäuren enthalten ist — der Körper aufnimmt und wieder ausscheidet. Ist die Bilanz ausgeglichen, gilt der Bedarf als gedeckt.
Das Problem liegt im Design dieser Studien. Sie wurden an kleinen Gruppen unter strengen Laborbedingungen durchgeführt, die mit dem Alltag wenig gemein haben. Die Stickstoffbilanz hängt außerdem nicht nur von der Proteinmenge ab, sondern von der gesamten Nahrungszufuhr. Und das entscheidende Detail: Das Ziel dieser Studien war bescheiden. Nicht Gesundheit, nicht Vitalität, nicht Gewebeerhalt. Nur kein offensichtlicher Mangel.
Neuere Methoden — insbesondere die IAAO-Methode, die die Aminosäurenverwertung direkt im Körper misst — kommen zu anderen Ergebnissen. Unter Ernährungswissenschaftlern gilt es inzwischen als weitgehender Konsens, dass der Referenzwert von 0,8 Gramm überholt ist (Phillips et al. 2016, Jäger et al. 2017). Und die Sorge, zu viel Protein schade den Nieren, wurde für gesunde Menschen wissenschaftlich widerlegt (Siener 2021).
Sarkopenie: Das stille Massenphänomen
Ab dem 40. Lebensjahr verliert der Körper ohne gezieltes Gegensteuern jedes Jahrzehnt rund acht Prozent seiner Muskelmasse. Ab dem 70. Lebensjahr beschleunigt sich dieser Prozess. Ältere Muskeln reagieren außerdem anders auf Protein als junge — Fachleute sprechen von "anaboler Resistenz": Der Körper braucht mehr Protein, um denselben Aufbaueffekt zu erzielen.
Sarkopenie ist kein Randphänomen. Sie ist ein stilles Massenphänomen, das in keiner Schlagzeile vorkommt — weil es schleichend passiert und weil "schwache Muskeln" kein dramatisches Krankheitsbild sind. Dabei erhöht Sarkopenie das Sturzrisiko, verschlechtert die Insulinsensitivität, begünstigt chronische Entzündung und ist ein eigenständiger Risikofaktor für Pflegebedürftigkeit und vorzeitigen Tod.
Ich sehe das in der Praxis. Nicht in Ausnahmefällen. Regelmäßig.
Die DGE erhöht den Referenzwert immerhin ab 65 Jahren auf 1,0 Gramm. Viele Ernährungs- und Alternswissenschaftler empfehlen jedoch bereits ab 60 mindestens 1,0 bis 1,2 Gramm — bei Sarkopenie oder Erkrankung deutlich mehr. Die 0,8-Gramm-Empfehlung gilt in Fachkreisen längst als Untergrenze, nicht als Zielwert.
Amerika hat reagiert — und die Reaktion ist verständlich
Die USA haben im Januar 2026 ihre Ernährungspyramide auf den Kopf gestellt. Mehr Protein, weniger Zucker, weniger raffinierte Kohlenhydrate. Über 53 Millionen US-amerikanische Erwachsene leben heute mit Diabetes — fast 16 Prozent der Bevölkerung. Der Handlungsdruck ist enorm.
Die DGE hat diese Empfehlungen als wenig transparent und evidenzbasiert kritisiert — und damit nicht ganz Unrecht. Der politische Prozess war fragwürdig: Renommierte Wissenschaftler wurden durch handverlesene Experten ersetzt, von denen einige finanzielle Verbindungen zur Fleisch- und Milchwirtschaft offenlegten. Das darf man kritisieren.
Aber dann darf man nicht gleichzeitig die Augen vor dem verschließen, was die Studienlage seit Jahren zeigt. Die Grundrichtung der US-Empfehlung — weniger Zucker, weniger verarbeitete Kohlenhydrate, mehr echtes Eiweiß — ist gut begründet. Und sie ist kein rein amerikanisches Problem.
Wer in Deutschland regelmäßig Blutbilder auswertet, sieht die Vorboten: Nüchterninsulinwerte im oberen Normbereich, Langzeitzucker der sich schleichend nach oben bewegt — und das nicht selten bei schlanken, äußerlich gesunden Menschen. Die Normwerte der Labore bilden dabei oft keine Gesundheit ab, sondern den Durchschnitt einer zunehmend erkrankten Bevölkerung. Die nächste Welle rollt auch hier an. Wir sehen sie bereits.
Protein ist kein Heiliger Gral — und Gemüse ist nicht verhandelbar
Wer jetzt denkt, die Lösung sei ein Steak zum Frühstück und Proteinpulver zum Abendessen, hat den Kern dieser Diskussion missverstanden.
Protein ist wichtig. Aber es ist kein Allheilmittel und kein Ersatz für eine vollständige Ernährung. Was der Körper gleichzeitig braucht, sind Ballaststoffe, Pflanzenfasern, sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Mineralien — und das beste Vehikel dafür ist Gemüse.
Gemüse liefert Mikronährstoffe, Pflanzenfasern für das Mikrobiom, sekundäre Pflanzenstoffe die entzündungshemmend wirken, und Mineralstoffe die als Säurepuffer fungieren — gerade dann wichtig, wenn die Proteinzufuhr steigt. Wer mehr Protein isst und dabei kein Gemüse isst, verschiebt das Gleichgewicht in die falsche Richtung.
Und hier liegt das eigentliche Umdenken, das ich mir wünsche: Gemüse ist nicht die Beilage. Gemüse ist nicht das, womit man den Teller füllt, damit er bunt aussieht. Gemüse ist der nicht verhandelbare Bestandteil jeder Mahlzeit. Die Sättigung kommt vom Protein. Das Fundament kommt vom Gemüse.
Nicht Fleisch oder Fisch allein. Sondern beides — in Kombination, klug zusammengestellt, aus echten Lebensmitteln.
Was das in der Praxis bedeutet
Für gesunde Erwachsene unter 60 ist ein Zielwert von 1,2 bis 1,5 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht nach aktuellem Forschungsstand sinnvoll — nicht als starre Regel, sondern als Orientierung. Wer über 60 ist, sich in einer Regenerationsphase befindet oder chronisch krank ist, braucht tendenziell mehr. Am besten individuell abgestimmt.
Die Quellen: Eier, Hülsenfrüchte, Fisch, hochwertiges, nicht verarbeitetes Fleisch, Quark, Nüsse, Samen. Echtes Essen, das sättigt und aufbaut. Keine Pulver notwendig — aber ein bewusstes Hinschauen, was täglich tatsächlich ankommt.
Und an jeder Mahlzeit: Gemüse. Nicht als Option, sondern als Grundlage.
Fazit — und eine ehrliche Frage
Die Studien liegen seit fast zwanzig Jahren auf dem Tisch. Das BMJ. Die Pharmazeutische Zeitung. Das American Journal of Medicine. Bente Pedersen in Comprehensive Physiology. Karolinska Institutet.
Und trotzdem steht die DGE bei 0,8 Gramm.
Ich begegne täglich Menschen, die erschöpft sind, deren Muskelmasse abnimmt, deren Blutzuckerwerte schleichend steigen — und die jahrelang die Empfehlung bekommen haben, weniger Fett zu essen, weniger tierisches Eiweiß mehr "Sättigungsbeilage".
Es ist Zeit für ein Umdenken. Nicht weil Amerika die Pyramide umgedreht hat. Sondern weil die Wissenschaft es schon lange nahelegt — und weil wir in den Praxen sehen, was passiert, wenn wir nicht hinhören.
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